Mit der Haupttreppe für das Corps de Logis der Residenz des Fürstbischofs Damian Hugo von Schönborn in Bruchsal war dem Baumeister Balthasar Neumann eine der genialen Treppenschöpfungen der Barockzeit gelungen.
Die einzigartige Wirkung der Treppe lässt sich im Foto nicht festhalten. Betritt man das Corps de Logis durch den prächtigen Eingang, so öffnen sich zunächst nur zwei Treppenläufe ins Vestibül. In angenehmer Steigung führen beide Treppenarme bogenförmig um das ovale Stiegenhaus herum. Mit zunehmender Helligkeit bieten sich immer wieder neue Perspektiven durch die Arkaden des inneren Treppenmantels hinab in die Grotte des zweiten Vestibüls. Schließlich erreicht man den strahlend hellen Kuppelsaal, den zentralen Raum des Schlosshauptbaus, in dessen prächtiger und farbenfroher Weite man die Funktion als Treppenhaus kaum mehr wahrnimmt. Die beiden Treppenarme versinken von diesem Standort aus, beinahe unsichtbar, hinter den steinernen Ballustraden.
Wie war es zu dieser Treppenanlage gekommen? Franz Anselm Ritter von Gruensteyn hatte 1725 als Corps de Logis ein dreistöckiges Gebäude entworfen. Nach den Regeln der zeitgenössischen Architektur sollten über dem Erdgeschoss die Bel Etage und ein Mezzanin (Halbgeschoss) folgen. Eine zweiarmige Rundtreppe in einem Viereck, ähnlich der Treppe, die Maderna im Palazzo Barberini schuf, sollte Erdgeschoss und Bel Etage verbinden. Der Fürstbischof nahm diesen Plan an, man begann wohl frühestens im Sommer 1725 mit den Bauarbeiten.
Während die Mauern emporwuchsen, überkam den Bauherrn jedoch die Angst, die Anzahl der Räume in der neuen Residenz würde für seine Dienerschaft nicht ausreichen. Da die Außenflügel schon fertig standen, konnte die Grundfläche nicht mehr erweitert werden. Schönborn befahl deshalb, zwischen Erdgeschoss und Beletage ein zweites Mezzanin einfügen zu lassen.
Als es jedoch an den Bau der Haupttreppe ging, merkte man, dass die Pläne nicht mehr zu realisieren waren. Die Bel Etage war jetzt um das nachträglich eingeschobene Mezzanin höher gerückt, infolgedessen musste auch der runde Treppenlauf bei gleichem Radius erheblich verlängert werden. Dazu reichte der Raum nicht aus.
In dieser ausweglosen Situation zog man Franz Anselm Ritter von Gruensteyn im September 1726 erneut in Bruchsal zu Rate. Er machte dem Bauherrn bittere Vorwürfe, Schönborn habe die Fassade verdorben, denn ein Mezzanin zwischen Erdgeschoss und Bel Etage war nach den Regeln der französischen Barockarchitektur einfach abscheulich und unverzeihlich. Zudem habe er die elegante Rundtreppe unmöglich gemacht. Ritter verließ verärgert die Baustelle.
Der Fürstbischof war nun mit dem Problem, das offene Treppenloch nicht schließen zu können, allein, da sich keiner an den Einbau einer Treppe wagte. Vier Jahre später, am 16. Dezember 1730, schrieb er an Balthasar Neumann „nur alleins das loch in der mitten annoch offen ist, wo die stiegen hinkommen solle“ und bat den renommierten Baumeister um Hilfe.
Schönborn hatte bereits 1723 Balthasar Neumann persönlich kennengelernt. Aber erst ab 1728 entwickelte sich ein umfangreicher Briefkontakt zwischen dem Fürstbischof und dem Architekten. Der Baumeister hatte im Februar des Jahres Markgräfin Sibylla Augusta von Baden in Scheibenhardt besucht und dabei erneut Damian Hugo von Schönborn getroffen.
Nach dem Hilferuf aus Bruchsal, Neumann solle wegen des „hiesigen schweren Bauwesens“ kommen, traf der vielbeschäftigte Baumeister schließlich im Januar 1731 in Bruchsal ein. Er begutachtete die Situation und gestaltete dann Ritters Pläne um. Damit gab sich der Fürstbischof jedoch noch nicht zufrieden, er forderte ein zusätzliches Modell aus Holz und Gips.
Neumanns Treppenanlage entstand aus der Absicht heraus, den Entwurf Ritters, so weit dies möglich war, zu retten. Ritters Pläne hatten vorgesehen, die runden Treppenarme in der Bel Etage auf eine Brücke zwischen Fürstensaal und Marmorsaal münden zu lassen. Das Vestibül wäre durch breite Öffnungen zwischen der Brücke und den Treppenarmen beleuchtet worden. Neumann verlängerte die Treppenarme ins vordere Vestibül, um die erforderliche Höhe erreichen zu können. Die Brücke erweiterte er zum zentralen Kuppelsaal zwischen Fürsten- und Marmorsaal. Damit fielen aber die Lichtöffnungen für das Vestibül weg. Zum Ausgleich löste Neumann den inneren Treppenarm zu Arkaden auf, die das als Naturgrotte gestaltete innere Vestibül ausreichend beleuchten und bei der Treppe den Eindruck schwebender Leichtigkeit verstärken sollte.
Der zentrale Treppen-Kuppelsaal der Bel Etage verdankt seine strahlende Helligkeit der Vermischung von direktem Licht aus den beiden Binnenhöfen mit indirektem Licht aus Marmor und Fürstensaal. Fensteröffnungen, die von unten kaum sichtbar sind, lassen die Kuppel geradezu schweben und verleihen den 1752 von Johannes Zick gemalten Fresken eine besondere Leuchtkraft.
Zu dieser langwierigen und komplizierten Baugeschichte hatte es kommen können, da während der gesamten Ausführung des Bruchsaler Bauvorhabens kein leitender Baumeister die Arbeiten vor Ort überwachte. Der Entwurf der Gesamtanlage stammte von Maximilian von Welsch, der jedoch nach seinem Besuch in Bruchsal 1720 nie mehr beteiligt wurde. Die Pläne für das Corps de Logis schuf mit großer Wahrscheinlichkeit der Mainzer Architekt Franz Anselm Ritter von Gruensteyn, doch auch er hatte keinen Einfluss auf die Ausführung seines Entwurfs. Die Leistungen baubegleitender Architekten erbrachten vielmehr als „Werkmeister“ oder „Maurer“ bezeichnete Leute.
Dazu kommt das auch für die damalige Zeit außergewöhnliche Mitwirken des Fürstbischofs Damian Hugo von Schönborn, der sich selbst als vom „bauwurmb“ befallen bezeichnete. Er ließ es sich nicht nehmen, sein Bauvorhaben selbst mit zu planen, die Arbeiten persönlich zu überwachen, seine Baustelle täglich zu inspizieren sowie alle Rechnungen selbst zu prüfen.
Monika Scholl
Aus: Schlösser Baden-Württemberg 4/97